Interview ousuca

Interview mit Mike von Ousuca über Mikroabenteuer

Hand aufs Herz: Wann hast du zum letzten Mal ein richtiges Abenteuer erlebt?

Ich muss gestehen: Als ich mir vor einigen Monaten diese Frage gestellt habe, fiel mir kein Erlebnis ein, das ich unter in dieser Kategorie einordnen konnte. Mit wachsender Körpergröße sind die Abenteuer in meinem Leben scheinbar immer weniger geworden. Dabei ist der Drang aus dem Alltag auszubrechen, etwas Besonderes zu erleben und sich lebendig zu fühlen groß.

Nicht jeder ist in der Lage den Mount Everest zu besteigen oder per Hundeschlitten zum Nordpol zu reisen. Mikroabenteuer sind für jeden geeignet, auch wenn du wenig Outdoor-Erfahrung, Geld oder Zeit hast.

In diesem Interview stellt Mike nicht nur seine eigene Definition von Mikroabenteuern vor, sondern gibt auch zahlreiche Tipps und spannende Erfahrungen weiter.

Mike Lippolt - Gründer ousuca

Über Mike

Mike Lippoldt ist Gründer von ousuca® und Herausgeber mehrerer Bücher. Mit Ende 20 ist er ohne Geld mit dem Fahrrad nach Spanien ausgewandert und lebt mittlerweile im sonnigen Marbella. Auf seiner Webseite ousuca dreht sich alles um die Themen Outdoor, Abenteuer, Reisen.

Interessierte bekommen hier Tipps zur Outdoor-Ausrüstung, Erfahrungsberichte zur großen und kleinen Abenteuer sowie Reisetipps.

Wie bist du auf Mikroabenteuer gestoßen und welches war dein erstes Mikroabenteuer?

Lässt sich schwer sagen, was mein erstes Mikroabenteuer war. Vielleicht als ich mit etwa 10 Jahren gemeinsam mit einem Nachbarsfreund Äxte bei unseren Vätern stibitzte, um ausgewachsene Bäume im Wald damit zu fällen.

Das ist natürlich verboten und heute kann ich das auch nicht mehr für gut heißen. Für uns Kinder stellte das jedoch ein echtes Abenteuer dar. Noch abenteuerlicher wurde es, als dann der Förster bei unseren Eltern erschien und eine Verwarnung ausrief.

Als Kinder bauten wir auch viele Buden im Wald, machten jeden Abend Lagerfeuer und brieten Speck. Auch später im Jugendalter bauten wir noch Buden. Diese wurden immer besser und wir übernachteten sogar manchmal darin.

Ein weiteres Mikroabenteuer war für mich, als ich als Kind einen Anhänger für mein Fahrrad baute. Diesen bepackte ich dann und fuhr die etwa 10 Kilometer bis zu meiner Tante, um hier einige Tage Ferien zu verbringen.

Christo Förster hat für sich drei Regeln für Mikroabenteuer aufgestellt. Was ist für dich ein Mikroabenteuer?

Mikroabenteuer ist ein Modewort für etwas, das es schon immer gab. Christo hat zu dem Begriff Mikroabenteuer einige Regeln aufgestellt , die er so für sich anwendet (Ergänzung: 1. mind. 8 und max. 72 Stunden, 2. Nur öffentliche Verkehrsmittel nutzen, 3. Ist eine Nacht dabei, wird draußen ohne Zelt übernachtet).

Im Alltag mache ich mir keine Gedanken über Regeln zu Mikroabenteuern. Regeln fand ich schon immer anstrengend. Für mein Mikroabenteuer Tagebuch habe ich jedoch einige Inspirationen zusammengestellt, die den Begriff Mikroabenteurer in Bezug auf den Buchinhalt etwas eingrenzen können:

Kleine Abenteuer mit Abwechslung

Dauer Wenige Stunden bis einige Tage
Kosten Kostenlos, für kleines Budget und kostenintensivere Abenteuer
Planung Meistens sofort oder innerhalb kurzer Zeit umsetzbar
Für wen? Alle Erlebnisfreunde, die den Alltag mit kleinen Abenteuern aufregender gestalten möchten

Planst du deine Mikroabenteuer im Voraus oder ziehst du eher spontan los?

Für manche kleinen Abenteuer muss man planen. Andere Mikroabenteuer machen vor allem dann Sinn, wenn man einfach ohne jede Planung drauflos zieht.

Für ein zweitägiges Trekking auf den höchsten Gipfel des spanischen Festlandes, den Mulhacén (3.482 m), habe ich einige Tage geplant. Hier trekkte ich alleine mit meinem Hund. Wir übernachteten auf ca. 3.000 m in einem offenen Biwak. Im Morgengrauen des zweiten Tages bestiegen wir den Gipfel. Anschließend wanderten wir zurück ins Tal.

Biwak auf dem Mulhace in 3000m Höhe
Biwak auf dem Mulhace in 3000m Höhe (Quelle: ousucua)

Um dieses kleine Abenteuer erleben zu können, musste natürlich der Trekkingrucksack für mich und meinen Hund gepackt werden.

Vor einigen Tagen stieg ich zur Dämmerung über eine mir unbekannte Route auf einen kleinen Berg in unserer Nähe. Ich lief direkt von zuhause aus los. Als bereits die Nacht hereinbrach, merkte ich, dass ich es nicht mehr bis ganz hinauf auf den Gipfel und wieder hinunter schaffe. Ich hatte auch keine Taschenlampe dabei und war nur im T-Shirt und kurzen Hosen unterwegs.

Dieses kleine Abenteuer musste ich dann abbrechen. Trotzdem lag genau hier in der Ungewissheit der Reiz.

Was unterscheiden für dich Mikroabenteuer von „richtigen“ Abenteuern?

Ein Mikroabenteuer hat stets einen überschaubaren Rahmen. Auch der Ausgang kann ziemlich genau eingegrenzt werden.

Große Abenteuer hingegen haben einen ungewissen Ausgang. Für ein „echtes Abenteuer“ musst du etwas aufs Spiel setzen. Das kann Geld, dein Ruf oder sogar deine Gesundheit sein.

Welche Vorteile haben Mikroabenteuer deiner Meinung nach gegenüber Fernreisen? 

Mikroabenteuer können vor der Haustür stattfinden. Hierüber gab es bereits in den Neunzigern eine Fernsehreihe zum Thema Abenteuer vor der Haustür. Initiator war Survival-Papst Rüdiger Nehberg. Er war es auch, der als erster in Deutschland Survival zu mehr Bekanntheit verhalf.

Bereits in den Neunzigern brachte es Nehberg auf den Punkt. Man muss nicht verreisen, um kleine Abenteuer zu erleben. Es reichen ein Fluss oder ein Wald und Phantasie. Und natürlich die Lust, etwas Neues zu erleben.

Jeder kann sich den Luxus eines kleinen Abenteuer gönnen. Es reicht, die Glotze auszuschalten und das gemütliche Sofa gegen Outdoorerlebnisse einzutauschen.

Auch Peter Lustig brachte es in dieser Beziehung schon vor Jahrzehnten auf den Punkt: „Abschalten“

Du schreibst, dass du mit deiner Reise durch Europa einer der letzten Eroberer vor dem digitalen Zeitalter warst. Wie denkst, du hat sich die Einstellung zu Abenteuern seitdem geändert?

Sicher war ich nicht der einzige und wahrscheinlich auch nicht der letzte Abenteurer im vordigitalen Zeitalter. Im Nachhinein denke ich in dieser Beziehung aber schon etwas melancholisch. Wir waren 8 Monate quer durch Europa unterwegs. Es gab keine Handys, es gab kein Social Media und es gab kein WhatsApp.

Es gab kein YouTube und es gab keine Digitalen Nomaden. Wir reisten einfach so, weil es uns Spaß machte. Unsere Reiseeindrücke tauschten wir untereinander aus. Es bestand kein Zwang, irgendwelche Supermotive sofort über Instagram teilen zu müssen. Die Welt schien größer und unentdeckter als heute. Selbst Spanien lag damals im Geiste wohl weiter entfernt als heute ein kleines Dorf im Himalaya. Denn heute ist praktisch jeder Fleck und jede Route weltweit über GPS, Apps und Internetseiten sofort abrufbereit.

Flusswanderung in Andalusien
Flusswanderung in Andalusien (Quelle: ousucua)

Unterwegs hatten wir kaum oder keinen Kontakt mit Freunden und Verwandten. Alle paar Wochen riefen wir einmal von einer Telefonzelle zu Hause bei der Familie an und hinterließen ein Lebenszeichen. Hin und wider schrieben wir auch Karten.

Später reiste ich etwa ein halbes Jahr durch Indien und Nepal. Auch hier gab es noch keine digitalen Medien. Oft meldete ich mich wochenlang nicht zu Hause. Ich denke oft an diese Zeit zurück und frage mich, ob es heute überhaupt noch möglich ist, auf diese Weise die Welt zu entdecken.

Nicht nur die Einstellung zu Abenteuern hat sich geändert. Das ganze Gefüge hat sich verschoben. Trotzdem gibt es nach wie vor Abenteuer zu erleben.

In Bezug auf die Einstellung gilt das gleiche Prinzip wie bereits weiter oben erwähnt. Abenteuer sollten immer etwas Ungewisses in sich bergen.

Welches war das größte Abenteuer deines Lebens?

Meine unkonventionelle Auswanderung nach Spanien. Mit 28 löste ich meine Wohnung in Deutschland auf, meldete mich auf sämtlichen Ämtern ab und gab sogar meinen Personalausweis ab.

Mit ein paar Ersparnissen fuhr ich dann mit dem Fahrrad Richtung Süden. Eigentlich hatte ich keine Ahnung, wie diese Reise ins Ungewisse enden sollte. Ich spürte aber einen inneren Drang und wusste, dass ich genau das tat, was ich tun musste, um meinem Schicksal einen Tritt in die richtige Richtung zu verpassen.

Welches wird dein nächstes Mikroabenteuer sein? Was möchtest du unbedingt noch erleben?

In den letzten Jahren waren wir viel unterwegs. Unter anderem auf Kuba, in Kanada, auf Island, in Norwegen, in den USA und im benachbarten Marokko. Dieses Jahr bleiben wir abgesehen von kleineren Kurztrips voraussichtlich in Spanien.

Vulkanlandschaft auf Island
Vulkanlandschaft auf Island (Quelle: ousucua)

Kleine wie eingangs erwähnte Mikroabenteuer stehen natürlich auch dieses Jahr auf dem Programm. Ganz nach dem Motto: Abenteuer vor der Haustür.

Momentan finde ich Pflanzenkunde sehr interessant. Ich möchte noch mehr über Pflanzen und ihre Nutzung lernen. Wilde essbare Pflanzen, Kräuter, Beeren, etc. Pflanzenkunde lässt sich prima mit kleinen Abenteuern in der Natur verbinden.

Hinsichtlich größerer Erlebnisse würde ich gerne einmal durch Alaska reisen. Als ultimativen Trip kann ich mir eine Reise an den Südpol vorstellen.

Was ist ein gutes Mikroabenteuer für Anfänger und was möchtest du einem Einsteiger mit auf den Weg geben?

Jedes kleine Abenteuer ist ein gutes Abenteuer, wenn es dich erfüllt. Was ein kleines Abenteuer ist oder nicht, das kommt ganz auf den Dunstkreis an, in dem sich jemand bewegt. Wer noch nie alleine draußen im Schlafsack geschlafen hat, der sollte das ganz sicher einmal machen.

Wer absolut noch keine Ideen hat, der kann Inspirationen in meinem Mikroabenteuer Tagebuch finden. 48 Mikroabenteuer. Ein Jahr lang, jeden Monat 4 neue Abenteuer.

Für Einsteiger (in was auch immer…) möchte ich ein paar Worte von Dante mit auf den Weg geben:

Geh deinen Weg und lass die Leute reden.“

48 Mikroabenteuer Tagebuch - MIke Lippolt

Mikroabenteuer Tagebuch von Mike Lippoldt*

Ein Buch, geeignet für erlebnishungrige Naturfreunde, die allein, mit Partner, mit Freunden oder mit Kindern neue Outdoorabenteuer bestreiten wollen!

Mehr Infos zum Buch findest du hier: https://ousuca.com/mikroabenteuer-buch/

*Das Buch habe ich vom Autor für dieses Interview kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen. Für den Kauf des Buches erhalte ich keine Provision.

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2 Kommentare zu „Interview mit Mike von Ousuca über Mikroabenteuer“

    1. Das ist doch super! Jeder definiert (Mikro-) Abenteuer ja auch anders. Ich finde es wichtig überhaupt einen Schritt nach draußen zu wagen, als dem großen Abenteuer nachzujagen.
      LG Denise

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